von Stephan Goltermann
Der Kirchgemeinderat lud auch 2007 zu einem Gemeindeseminar ein. Nach der Beschäftigung mit „Segen“ und „Beichte“ wagten wir uns mit „Glauben und Wissen“ thematisch deutlich weiter aus der Kirchentür hinaus. Wie viel Platz hat Glaube in unserer aufgeklärten Welt? Verdrängt das Wissen den Glauben aus ihr? Diese Fragen wollten wir aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und gewannen hierfür den Theologen Prof. Heidrich, die Mediziner Prof. Pfeiffer und Dr. Kropp sowie den Pädagogen Prof. Nieke.
Prof. Heidrich begann den Reigen mit einer (fĂĽr mich) unerwarteten Eröffnung: Wesentliche Dinge unseres Lebens bleiben uns verborgen – die Zahl der vor uns liegenden Lebensjahre, die Gewissheit, grundlegende Entscheidungen wie die Partner- oder die Berufswahl richtig getroffen zu haben. Wir mĂĽssen glauben, dass alles gut so ist, wie es ist. Glauben, aus dem Gotischen stammend, bedeutet “sich etwas lieb machen”. Glauben sei somit eine Sache des Herzens, hingegen das Wissen eine Sache der Wahrnehmung, des Sehens. Eine religiöse Dimension bekam der Vortrag durch die Beantwortung der Frage, wie man mit so viel Ungewissheit leben könne, ohne daran zu verzweifeln – durch Kontemplation und Gebet.
„Glauben – Wissen – Heilen“ – der zweite Abend gehörte den Medizinern. Prof. Pfeiffer nahm uns mit in die Welt der (Hoch-)¬Schulmedizin, in der Glauben nach erfolgtem Beweis kaum mehr Platz habe. Gleichsam als Entsprechung von Wissen und Glauben setzt sich die Wissenschaft mit objektiven (=messbaren) Größen und subjektiven Wahrnehmungen auseinander. Die Medizin versuche, auch die letzte subjektive Wahrnehmung durch geeignete Merkmale zu entschlĂĽsseln – ein Unterfangen, bei dem Fluch und Segen nahe beieinander liegen. Den zweiten Teil des langen Abends bestritt Herr Dr. Kropp, Chef des Instituts fĂĽr Medizinische Psychologie. Er präsentierte beeindruckende Beispiele fĂĽr die Steuerung des Körpers durch die Psyche und präsentierte eine Reihe erstaunlicher Ergebnisse korrelativer Statistik, wonach z.B. das Sterblichkeitsrisiko eines 60-jährigen durch Abwesenheit bei Gottesdiensten größer ist als durch das Rauchen. Das war zumindest sehr unterhaltsam, denn statistisch wurde etwas belegt, was sich nicht erklären lieĂź, also geglaubt sein wollte. Und wir waren geneigt, die normative Kraft des Faktischen als bare MĂĽnze anzunehmen.
Den dritten Abend bestritt der Pädagoge Prof. Nieke. Zunächst ging er der Frage nach, wie aus Informationen Wissen und wann Wissen zur Bildung wird. Erst die Verwendung nach übergeordneten Wertkategorien macht aus Wissen Bildung. Die lehrende Generation wählt das für wertvoll Erachtete aus, um es an die nächste Generation weiterzugeben. Hier trägt Kirche neben Familie und Schule eine enorme Verantwortung. Erfahrungswissen wird zumeist im Alltag weitergegeben. Schule und andere Bildungsträger vermitteln systematisiertes Wissen von der Philosophie bis hin zu den Naturwissenschaften. Was muss hier geglaubt werden? Der Referent vertrat die These, dass alle Wissenssysteme auf Grundannahmen fußen, die nicht weiter begründet werden können, also geglaubt werden müssen. Hierin unterschieden sich z.B. Theologie, Biologie und Physik nicht. Das Verhältnis von Glauben und Wissen im Schulsystem wurde am Beispiel der Evolutionstheorie diskutiert. Diese ist hypothetisch, in weiten Teilen spekulativ, bislang unwiderlegt und soll natürlich gelehrt werden. Einen Absolutheitsanspruch gibt es dagegen nicht. Dies zu vermitteln, sollte auch Aufgabe der Schulen sein, z.B. in einem Fach „Weltorientierung“. Mit der Feststellung, dass Erziehung ohne Glauben unmöglich ist, schloss der Abend.
Der Glaube hat also noch lange nicht ausgesorgt. Er ist vielmehr Fundament oder Pfad in einer Welt, die noch so unglaublich viele Geheimnisse bewahrt. Mir halfen die Abende bei der Beantwortung nie ganz verstummter Fragen. Bleibt die Freude auf die neue Seminarreihe im nächsten Jahr und die Hoffnung, dass Sie den Gemeinderaum wieder zum Ăśberlaufen bringen. Continue reading →